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24.05.2012

Ergebnisse des 8. iv.future.forums: Eigenverantwortung und selbständiges Handeln als Basis für Unternehmertum

Am 23. Mai fand das bereits achte iv.future.forum statt. Unter dem Titel „Eigenverantwortung und selbständiges Handeln als Basis für Unternehmertum“ wurden die Perspektiven unternehmerischen Handelns in Österreich diskutiert. Das future.forum fand als Kooperationsveranstaltung des Bereichs Gesellschaftspolitik der Bundes-IV und der IV-Wien statt.

Der Geschäftsführer der IV-Wien, Mag. Johannes Höhrhan-Hochmiller, betonte in seiner Eröffnung, dass „unternehmerische Tätigkeit eine wichtige Voraussetzung für einen nachhaltig erfolgreichen Wirtschaftsstandort ist". Zu wenig Unternehmertum bedeute geringere Innovationskraft und geringere Wachstumsaussichten. Höhrhan präsentierte Untersuchungen, die jedoch deutlich zeigen, dass Österreich in Bezug auf „unternehmerische Dynamik" den meisten Industrienationen hinterherhinkt. „Selbständiges und eigenverantwortliches Handeln gehören jedoch zu den Schlüsseleigenschaften eines Unternehmers und müssen daher auch in Österreich stärker Fuß fassen" unterstrich Höhrhan.

Mangelt es den ÖsterreicherInnen an Mut oder gar an der Fähigkeit zu selbständigem und eigenverantwortlichem Handeln? Was können die Ursachen dafür sein und wie sehen die Entwicklungsperspektiven unserer Gesellschaft in dieser Hinsicht aus? Diese Fragen wurden bei der anschließenden Podiumsdiskussion erörtert.

Am Podium vertreten waren:

  • Christine Bauer-Jelinek, Psychotherapeutin, Wirtschaftscoach und Autorin
  • Univ.-Prof. Dr. Werner H. Hoffmann, Vorsitzender der Geschäftsführung, contrast Management Consulting
  • Mag. Johannes Lindner, Wirtschaftspädagoge der Schumpeter BHAK & BHAS Wien und Fachbereichsleiter für Entrepreneurship Education und Wirtschaftsdidaktik der KPH Wien/Krems, Ashoka Fellow
  • Veit Schmid-Schmidsfelden, Geschäftsführer der Rupert Fertinger GmbH
  • Mag. Dr. Franz Semmernegg, CFO Kapsch AG und CEO Kapsch BusinessCom AG

Moderiert wurde das future.forum von Dr. Gertraud Leimüller (Geschäftsführende Gesellschafterin winnovation consulting gmbh).

Johannes Lindner suchte die Gründe für mangelnde unternehmerische Dynamik in Österreich in den kindlichen und jugendlichen Entwicklungsjahren. In den heutigen Ein- bis Zweikindfamilien werden die Kinder viel weniger zu Eigenverantwortung und Selbständigkeit erzogen als in den früher üblichen Großfamilien, wo ältere Geschwister für sich selbst und die jüngeren größere Verantwortung tragen mussten. Heute würden die Kinder in den Familien in einen „Kokon der Liebe" gewoben, in dem ihnen viel zu viel Eigenverantwortung abgenommen werde. Zudem gäbe es in Österreich kaum ein echtes Entrepreneurship-Studium wie beispielweise in den skandinavischen Ländern. Die österreichische Version des Betriebswirtschaftsstudiums sei eher eine Ausbildung „zum Verwalter und nicht zum Unternehmer", so Lindner.

Christine Bauer-Jelinek sprach die aus ihrer Sicht falsche Ansicht an, dass unternehmerische Tätigkeit zwangsläufig einen „Austritt aus der Komfortzone" des Angestelltendaseins bedeute. Viel mehr bedeuteten das unabhängigere Arbeiten und die eigenständigere Planung als UnternehmerIn Vorteile. Durch das Abbauen solcher Vorurteile kann Unternehmertum an Attraktivität gewinnen. Zudem plädierte Bauer-Jelinek dafür, dass die kleinen Unternehmer, die in Österreich das Bild dominieren, viel „stärker vor den Vorhang geholt werden sollten". Es reiche außerdem nicht aus, nur gewinnorientiertes Unternehmertum zu fördern, sondern es müsse auch „gemeinnütziges Unternehmertum" einen prominenteren Platz in der Debatte finden. Statt der gängigen Form der GmbH unter Kleinunternehmern müsse es zusätzlich eine neue Form einer gemeinnützigen unternehmerischen Organisation geben.

Besonders problematisch sei, dass „unternehmerische Werte wie beispielsweise Risikobereitschaft in Österreich von der Gesellschaft und oftmals sogar von der Politik diskreditiert werden", so Werner Hoffmann. Dies werfe ein verheerendes Bild auf das Unternehmertum. Hier seien die Politik aber auch Schulen und Universitäten gefordert eine Korrektur des Bildes vorzunehmen. Eine besondere Herausforderung für unternehmerische Tätigkeit in Österreich sei zudem, dass diese viel zu stark von der - im Vergleich zur Venture Capital-Finanzierung restriktiven - Bankenfinanzierung abhängig sei. Auch Hoffmann forderte mehr Unternehmertum in allen Bereich der Gesellschaft.

Franz Semmernegg unterstrich die Verantwortung von LehrerInnen sowie Lehrpersonal an Universitäten oder Fachhochschulen in der eigenverantwortlichen Bildung von jungen Menschen. Darüber hinaus erklärte Semmernegg, dass es nicht auseichend LehrerInnen oder ProfessorInnen gäbe, die selbst tatsächlich unternehmerisch tätig sind. So könnten in der Ausbildung Werte wie selbständiges oder eigenverantwortliches Handeln auch nicht durch glaubhafte Vorbilder vermittelt werden. Wenn man nach der Ausbildung in Österreich zu arbeiten beginne, finde man sich zudem zumeist in „voneinander stark getrennten Welten" wieder. Unter anderem sei ein Wechsel zwischen der Privatwirtschaft und dem öffentlichen Bereich kaum attraktiv, wodurch auf der einen Seite im öffentlichen Sektor vielfach unternehmerisch denkende Menschen fehlen und auf der anderen Seite aus dem großen Bereich der Beamtenschaft kaum zusätzliche Entrepreneure zu erwarten seien.

Unternehmerisches Denken sei zu einem großen Teil erlernbar, betonte Schmid-Schmidsfelden. Jedoch müsse dieses Lernen möglichst früh beginnen. Der elterlichen Erziehung komme dabei eine wichtige Rolle zu. Ohne Misserfolg sei die Gestaltung von Neuem aber nicht möglich. Das Risiko zu scheitern sei daher ein integraler Bestandteil unternehmerischer Arbeit. In Österreich herrsche jedoch eine falsche Einstellung gegenüber Misserfolg. Wer mit einem Vorhaben gescheitert ist, sei in Österreich „stigmatisiert". Im Gegensatz zu den angelsächsischen Kulturen fehle in Österreich die Anerkennung für eigenverantwortliches Handeln und den „Mut zum Scheitern".

„In Bezug auf die Entfaltung von Unternehmertum stehen wir in Österreich offenbar noch ziemlich am Anfang der Entwicklung", erklärte die Moderatorin Gertraud Leimüller abschließend. Österreich habe aber noch alle Chancen zu einer erfolgreichen Entwicklung, da erstens die zu ändernden Rahmenbedingungen klar auf dem Tisch liegen und zweitens viele andere europäische Länder noch am Beginn der Entwicklung stünden. Vor allem gelte es daher jetzt, „nicht den Absprung zu verpassen".


[ IV-Wien ]
Fotos
V.l.n.r.: Johannes Höhrhan-Hochmiller, Christine Bauer-Jelinek, Johannes Lindner, Gertraud Leimüller, Werner H. Hoffmann, Veit Schmid-Schmidsfelden, Franz Semmernegg
V.l.n.r.: Johannes Höhrhan-Hochmiller, Christine Bauer-Jelinek, Johannes Lindner, Gertraud Leimüller, Werner H. Hoffmann, Veit Schmid-Schmidsfelden, Franz Semmernegg