Wachstumsimpulse schaffen!
"Reformen alleine werden Wien sowie Österreich insgesamt die Zukunftsfähigkeit nicht garantieren - das steht außer Zweifel", stellt IV-Wien-Präsident Kapsch in seinem aktuellen Leitartikel fest.Die Strukturen der Leistungserbringung der öffentlichen Hand müssen grundlegend neu gedacht und konzipiert werden. Nur damit können wir den nötigen finanziellen Spielraum wiedergewinnen, um in die Zukunft investieren zu können. Sparen und Effizienzsteigerungen alleine können nicht die einzige Lösung sein. In den aktuellen Debatten fehlt ein Aspekt fast vollständig: Aufgrund der gesamtwirtschaftlich schwierigen Situation und der dadurch erforderlichen Sparmaßnahmen müssen sowohl im öffentlichen als auch vielfach im privaten Sektor Ausgaben gekürzt werden, zugleich müssen häufig auch Investitionen eingeschränkt werden. Diese Situation birgt die Gefahr, dass das Wirtschaftswachstum in einer sich selbst verstärkenden Spirale immer weiter schrumpft. Mit entsprechenden Maßnahmen wäre es allerdings möglich, Impulsprogramme für den Wirtschafts- und Arbeitsstandort umzusetzen.
Exemplarisch möchte ich hier vor allem den Gesundheitsbereich herausstreichen. Die Gesundheitswirtschaft birgt große Potentiale. Prognosen gehen davon aus, dass, ausgehend vom Jahr 2005, der Gesundheitsmarkt in Österreich bis zum Jahr 2020 nominell um über 120 Prozent anwachsen wird (Quelle: Roland Berger). Treibende Faktoren sind hier vor allem die demographischen Verschiebungen und der epidemiologische Wandel, d.h. das Ansteigen chronischer Erkrankungen - Herausforderungen, die zunehmend auch private Lösungen erfordern und nicht mehr von Staaten alleine bewältigt werden können. Zusätzlich verändert der medizinisch-technische Fortschritt den gesamten Gesundheitsbereich, ebenso wie ein zunehmend feststellbarer Wertewandel in der Gesellschaft. Letzterer führt dazu, dass sich die Bürgerinnen und Bürger immer stärker als Konsumenten von Gesundheitsleistungen sehen (Stichwort „Wellness und Gesundheitstourismus").
Wo können nun konkret Potentiale für Wachstumsimpulse gehoben werden? Durch verstärktes Outsourcing von Leistungen wie etwa das Betreiben von Küchen oder Labors, der Reinigung oder auch medizinischer Dienstleistungen eröffnen sich für die öffentliche Hand vor allem im Spitalsbereich Potentiale zur Effizienzsteigerung, die zugleich Chancen für die Unternehmen bedeuten. Bürokratische Zulassungsbedingungen sowie lange Verfahrensdauern blockieren jedoch vielfach diese Prozesse. Dabei ist mit der steigenden Internationalisierung im Gesundheitsbereich ein weiterer Trend zu orten, der Klinikbetreiber in wachsendem Ausmaß unter Druck setzt international konkurrenzfähig zu sein! Vor allem der in diesem Zusammenhang rasant wachsende Gesundheitstourismus eröffnet Österreich mit seinem qualitativ exzellenten Gesundheitssystem enorme Chancen. Als Hemmnis erweisen sich dabei aber vor allem bei komplexen medizinischen Eingriffen die politisch festgesetzten Tagsätze, die für die Spitäler bei weitem nicht kostendeckend sind. Es ist völlig klar, dass unter solchen Umständen die Krankenhäuser keine Möglichkeiten sehen, diese Potentiale zu nutzen, wenn sie schon bei der Versorgung der eigenen Staatsbürger nicht wirtschaftlich arbeiten können.
Telemedizin, „Ambient Assisted Living" (Technologien, die v.a. älteren Menschen länger ein selbständiges Leben ermöglichen) und in Wien natürlich die Life Sciences sind weitere Bereiche, die große Möglichkeiten für Unternehmen eröffnen und zugleich Effizienzsteigerungen sowie Modernisierungschancen für das Gesundheits- und Pflegesystem ermöglichen. Internationale Studien gehen von einem jährlichen Wachstum von e-health von bis zu elf Prozent aus. Dieses Wachstumspotential kann die österreichische Wirtschaft mit ihrer starken Exportorientierung und einer bedeutenden Elektro- und Elektronikindustrie besonders gut für sich nutzbar machen.
Alle Wachstumsprogramme sind natürlich nutzlos, wenn nicht zugleich an einer tiefgreifenden, strukturellen Reform des Gesundheitssystems gearbeitet wird. Nur eine Kombination aus Reformmaßnahmen und Wachstumsimpulsen führt letztlich zum Erfolg - und das gilt nicht nur für den Gesundheitsbereich, sondern für die Privatwirtschaft und den öffentlichen Sektor gleichermaßen.


