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09.05.2011

„Amerikaner trommeln lauter“

Nobelpreisträger Gerhard Ertl hofft, dass sich mehr junge Menschen für Technik und Forschung interessieren, und sieht europäische Universitäten nach wie vor an der Spitze.

Bei den diesjährigen „Auer von Welsbach Lectures" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften werden anlässlich des „Jahres der Chemie 2011" Vorträge zu aktuellen Forschungsthemen rund um die Chemie präsentiert und diskutiert.

 

Im April referierte der Nobelpreisträger Gerhard Ertl zum Thema: „Reaktionen an Oberflächen: Vom Atomaren zum Komplexen".

Ertls Forschungen im Bereich der Oberflächenchemie haben zur Erklärung der Zerstörung der Ozonschicht beigetragen, sie geben- auch Aufschluss über die Funktionsweisen- von Katalysato-ren in Kraftfahrzeugen und sind in vielen industriellen Verfahren ausschlaggebend, unter anderem bei der Herstellung von Kunstdünger.

 

Wie könnte man aus Ihrer Sicht Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften begeistern?

Man muss damit sehr früh anfangen, denn die Begeisterung wächst mit den Jahren. Leider leben die Eltern den Jugendlichen oft eine andere, eher technikferne Einstellung vor. Außerdem verbringen die Kinder immer mehr Zeit mit passivem Verhalten vor Computer oder Handy. Ich selbst habe schon früh in meiner Jugendzeit mit technischem Spielzeug experimentiert, fast prägend war das Buch „Chemische Experimente, die gelingen".

 

Wie kann es uns gelingen, nicht nur Forscher in Deutschland und Österreich zu halten, sondern Experten aus anderen Regionen für den Standort zu gewinnen?

Forscher brauchen gute Bedingungen. In England beispielsweise- kürzte man die Forschungsetats sehr rigoros - so etwas hat natürlich Folgen. Oft merkt man das erst einige Jahre später. Aber wissen Sie, die Amerikaner kochen auch bloß mit Wasser - nur trommeln sie lauter. Aber ich finde es eigentlich ganz sympathisch, dass wir nicht alles gleich an die große Glocke hängen.

 

Wo sehen Sie in der Chemie besondere Potenziale für zukünftige, bahnbrechende Innovationen?

Dort, wo die Chemie die Brücke zur Biologie oder zur Physik darstellt, sind noch viele spannende Neuigkeiten zu erwarten. Denken Sie nur an die Energietechnik - die Energiespeicher sind gerade in aller Munde.

 

Wird es hier noch lange dauern?

Also ich rechne mit schnellen Ergebnissen. Ich glaube, dass wir in wenigen Jahren eine deutliche Verbilligung der Speicher erleben werden.

 

Was halten Sie von der Exzellenz-Initiative, also der Fokussierung von Kapital auf ausgezeichnete Universitäten?

Zuerst war ich eher dagegen. In der letzten Zeit habe ich gemerkt, dass dies vor allem psychologische Auswirkungen hat. Die Leute reden sich jetzt mehr zusammen.

 

Überholen uns Europäer gerade die chinesischen Forscher?

Nein, aber sie sind im Kommen. Derzeit sind die Absolventen meiner Ansicht nach noch nicht so fit wie die unsrigen. Ich rechne aber damit, dass die Chinesen in zehn Jahren das europäische Niveau erreicht haben werden.

 

Machen Sie sich Sorgen?

Nein. Die Deutschen werden weiterhin stark vertreten sein, was die Forschung betrifft. Eher mache ich mir Sorgen um die Produktion, die doch stark unter Druck gerät.

 

Zur Person:

Prof. Dr. Gerhard Ertl, Jahrgang 1936, ist emeritierter Professor des Berliner Fritz-Haber-Institutes. Mit seinen Studien begründete er nicht nur die moderne Oberflächenchemie, sondern erhielt 2007 zudem den Chemienobelpreis verliehen.


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